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Auf der Spur geheimnisvoller Zeichen

Veröffentlicht im August 2018

Stolz und mit dem neuen Ranzen auf dem Rücken machen sich die kleinen Schulanfänger jetzt wieder jeden Morgen auf den Weg in die Schule, um Lesen und Schreiben zu lernen.
Doch bevor das Kind letztendlich erste richtige Wörter und Sätze zu Papier bringen kann, muss es eine Menge Vorarbeit leisten. Dabei sind die Voraussetzungen für den Schriftspracherwerb kognitive und sprachliche Fähigkeiten, die Kinder schon lange vor der Schuleinführung erwerben.

Kinder lernen sehr früh, dass Schriftzeichen Bedeutung vermitteln. Wenn die kleinen Knirpse im Restaurant angestrengt die Speisekarte studieren, dem Papa abends aus der Zeitung „vorlesen“ oder ihre Gemälde mit Kritzelschrift verschönern, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass sie den Sinn von Schrift verstanden haben. Werden sie dann aktiv von den Eltern oder Erzieherinnen in alltägliche Lese- und Schreibsituationen eingebunden (z.B. Vorlesen, Postkarten schreiben, Beschriftung von Kindergartenfächern), setzen sich die Kinder bewusst mit der Sprache auseinander und erweitern so vorhandene Fähigkeiten. Nebenbei lernen sie dadurch spielerisch die Grundlagen unserer Schrift, wie Lese- und Schreibrichtung oder das Vorhandensein von Wortgrenzen (die allein aus der Lautsprache nicht abzuleiten sind).
Schon 2-3 jährige Kinder erkennen prägnante Symbole aus dem Alltag (z.B.: bestimmte Firmenlogos, Apothekenschild o.ä.) und verbinden mit ihnen bestimmte Bedeutungen.
Im Vorschulalter wird dieses Wissen verknüpft und übergeneralisiert (d.h. in allen neuen Situationen angewendet). So könnte zum Beispiel die kleine Anna – die die Buchstaben ihres Namens schon kennt – vor dem Apothekenschild sagen: „Guck mal da steht Anna“ oder ihren Wunschzettel mit verschiedenen Kombinationen der Buchstaben A und N beschriften.
Oft stehen bei den ersten Schreibversuchen die Buchstaben noch verkehrt herum. Das ist ganz normal, denn die bisherige Erfahrung der Kinder ist: Ein Gegenstand bleibt derselbe, egal wie seine Lage im Raum ist. Werden allerdings Buchstaben gedreht, kann es zur Bedeutungsänderung kommen (z.B. „d“ vs. „b“, „p“ oder „q“).

Parallel dazu entwickelt sich die Hör-Merk-Spanne und die Fähigkeit, Unterschiede zwischen den Lauten wahrzunehmen. Diese Leistungen sind nicht nur maßgeblich für das Sprechen sondern beeinflussen auch, wie verschiedene Studien zeigen, die Schreib- und Leseleistungen in den ersten Klassen.
Im Deutschunterricht lernen die Kinder dann die Zuordnung von Lauten zu Buchstaben und deren Verknüpfung zu Silben und Wörtern. Hier ist es hilfreich, wenn Erwachsene den Kindern keine Buchstabennamen („be“, „de“, „ef“) sondern Laute („ff“, „rr“, „sch“) vermitteln, um den Schreib- und Leselernprozess zu erleichtern.

Wenn Probleme beim Schriftspracherwerb auftreten, es dem Kind schwer fällt, Laute und Buchstaben zu unterscheiden oder Sprachprobleme vorhanden sind, sollte eine frühzeitige Abklärung durch den Kinderarzt erfolgen, um geeignete Förder- oder Therapiemaßnahmen einzuleiten.