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Von der Sprache zur Schrift – Lernprozesse bei Vorschulkindern

Veröffentlicht im Mai 2016

Voraussetzung für das Erlernen von Lesen und Schreiben sind gewisse kognitive und sprachliche Fähigkeiten, die Kinder bis zum Schulanfang erwerben. Doch die eigentliche Auseinandersetzung mit der Schriftsprache beginnt schon weit vor der Einschulung. Bevor das Kind letztendlich erste richtige Wörter und Sätze zu Papier bringen kann, muss es eine Menge geistige Vorarbeit leisten.
Die Entwicklungspsychologin Uta Frith veröffentlichte 1985 ein 3-stufiges Grundlagenmodell zum Schriftspracherwerb, welches weit verbreitet anerkannt ist.

1. Die logographemische Stufe – das Erkennen von Schrift als Symbol
Kinder entdecken sehr früh, dass Schriftzeichen Bedeutung vermitteln. Wenn die kleinen Knirpse dem Papa abends aus der Zeitung „vorlesen“ oder ihre Gemälde mit Kritzelschrift verschönern, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass Sie den Sinn von Schrift verstanden haben. Werden sie dann aktiv von den Eltern oder Erzieherinnen in alltägliche Lese- und Schreibsituationen eingebunden (z.B.: Vorlesen, Postkarten schreiben, Beschriftung von Kindergartenfächern), setzen sich die Kinder bewusst mit der Schriftsprache auseinander und erweitern so vorhandene Fähigkeiten. Nebenbei lernen sie dadurch spielerisch die Grundlagen unserer Schrift, wie Lese- und Schreibrichtung oder das Vorhandensein von Wortgrenzen (die allein aus der Lautsprache nicht abzuleiten sind).

2. Die alphabetische Stufe – Das Erkennen von Lautbezug und Buchstabenbindung bei Schrift
Schon 2-3 jährige Kinder erkennen prägnante Buchstaben aus dem Alltag (z.B.: „Mc Donalds“ Zeichen, Automarken, Haltestellenschild o.ä.) und verbinden mit ihnen bestimmte Bedeutungen.
Später, im Vorschulalter wird dieses Wissen verknüpft und übergeneralisiert (d.h. in allen neuen Situationen angewendet). So könnte zum Beispiel die kleine Anna – die die Buchstaben ihres Namens schon kennt – zu einem Apothekenschild sagen: „Guck mal da steht Anna“ oder ihren Wunschzettel mit verschiedenen Kombinationen der Buchstaben A und N beschriften.
Parallel dazu entwickelt sich das Sprachgedächtnis (Hör-Merk-Spanne) und die Fähigkeit Unterschiede zwischen den Lauten wahrzunehmen (phonologische Bewusstheit). In Verbindung mit anderen metasprachlichen Fähigkeiten, wie z.B.: die Fähigkeit der Silbensegmentierung (das Zerlegen von Wörtern in Silben), sind diese Leistungen nicht nur maßgeblich für das Sprechen sondern beeinflussen auch, wie verschiedene Studien zeigen, wesentlich die Schreib- und Leseleistungen in den ersten Klassen.
Nach und nach lernen die Kinder dann die Zuordnung von Lauten zu Buchstaben und deren Verknüpfung zu Wörtern. Gleichzeitig sollten von Schulbeginn an auch erste Rechtschreibregeln eingeführt werden, um später ein mühsames Umlernen zu vermeiden.
Es erfolgt damit der Übergang in die 3. Stufe: die orthographische Stufe – das Erkennen von orthografischen Regelhaftigkeiten

Wenn Probleme beim Schriftspracherwerb auftreten, es dem Kind schwer fällt Laute und Buchstaben zu unterscheiden oder Sprachprobleme vorhanden sind, sollte eine frühzeitige Abklärung durch den Kinderarzt erfolgen um geeignete Förder- oder Therapiemaßnahmen einzuleiten.